“Polarisation der Aufmerksamkeit” – das Montessori-PhĂ€nomen


Die Entdeckung des PhĂ€nomens der “Polarisation der Aufmerksamkeit” schilderte Montessori als den SchlĂŒssel ihrer PĂ€dagogik. War man frĂŒher der Ansicht, daß die kindliche KonzentrationsfĂ€higkeit leicht irritierbar und unstet sei, so erkannte sie, daß kleine Kinder zu einer intensiven Hingabe an einer bestimmten Sache fĂ€hig waren.
Sie nahm dieses PhĂ€nomen erstmals 1907 bei einem dreijĂ€hrigen MĂ€dchen in ihrem ersten Kinderhaus wahr, welches eine Übung mit Einsatzzylindern endlos oft wiederholte und sich durch nichts in ihrer Umgebung davon ablenken ließ.

“Zu Anfang beobachtete ich die Kleine, ohne sie zu stören, und begann zu zĂ€hlen, wie oft sie die Übung wiederholte, aber dann, als ich sah, daß sie sehr lange damit fortfuhr, nahm ich das StĂŒhlchen, auf dem sie saß, und stellte StĂŒhlchen und MĂ€dchen auf den Tisch; die Kleine sammelte schnell ihr Steckspiel auf, stellte den Holzblock auf die Armlehnen des kleinen Sessels, legte sich die Zylinder in den Schoß und fuhr mit ihrer Arbeit fort. Da forderte ich alle Kinder auf zu singen; sie sangen, aber das MĂ€dchen fuhr unbeirrt fort, seine Übung zu wiederholen, auch nachdem das kurze Lied beendet war. Ich hatte 44 Übungen gezĂ€hlt; und als es endlich aufhörte, tat es dies unabhĂ€ngig von den Anreizen der Umgebung, die es hĂ€tten stören können; und das MĂ€dchen schaute zufrieden um sich, als erwachte es aus einem erholsamen Schlaf.” (Montessori, Schule des Kindes. (1976), S. 69 f.)

Die Polarisation der Aufmerksamkeit, die die FĂ€higkeit der tiefen Konzentration wĂ€hrend der BeschĂ€ftigung mit einem selbstgewĂ€hlten Gegenstand bedeutet, stellt nach Montessoris Auffassung den bedeutendsten Faktor im Aufbau des Kindes dar. Die kindliche KonzentrationsfĂ€higkeit gilt als Voraussetzung fĂŒr Lernprozesse und als FundamentalphĂ€nomen zur Aneignung von Bildung. Das PhĂ€nomen der unbeirrbaren KonzentrationsfĂ€higkeit verlĂ€uft zunĂ€chst unbewußt und hat seinen Ursprung im Inneren des Menschen. Damit sich die Aufmerksamkeit polarisieren bzw. sammeln kann, muß die innere AktivitĂ€t des Kindes eine Ă€ußere Anregung finden, die diese innere Regsamkeit fördert. Diese Erkenntnis veranlaßte Montessori dazu, dem Kind eine Umgebung vorzubereiten, in der es sich frei mit ansprechenden GegenstĂ€nden beschĂ€ftigen durfte.

Die von ihr entwickelten didaktischen Materialien reprĂ€sentieren derartige Anregungspotentiale in systematischer Form: Sie sind in der Lage, die Aufmerksamkeit des Kindes auf einen Lerninhalt zu richten und durch freiwillig-wiederholendes Üben die Intelligenz und Persönlichkeit auszubilden. Das Zustandekommen der Polarisation der Aufmerksamkeit hĂ€ngt im weiteren von der Bedingung ab, daß sich das Kind frei und selbstbestimmt fĂŒr eine bestimmte BeschĂ€ftigung entscheiden darf und solange arbeiten kann, bis sein inneres BedĂŒrfnis gestillt wurde.

 

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