„Ich bin echt gern im Praktikum. Eigentlich lieber als in der Schule“


Raus aus der Schule und rein ins Leben: Schüler der Montessori-Schule Augsburg engagieren sich im Praktikum in den Ulrichswerkstätten, im Seniorenheim und im Flüchlingsheim

In der Abteilung „Leichtmontage“ der CAB Ulrichswerkstätten herrscht ruhige Betriebsamkeit. Gilbert faltet sorgfältig eine Informationsbroschüre, klebt ein Pröbchen dazu und reicht diese dann an seinen Kollegen Simon weiter, der das Produkt fertig stellt. Zwischen ihnen sitzt Samuel. Samuel ist 14 Jahre alt und besucht die 8. Klasse der Montessori-Schule Augsburg. Jeden Mittwoch geht er im Rahmen des sogenannten Erdkinderplanes raus aus der Schule und rein ins echte Leben. Sein Einsatzort ist die zwölfköpfige Gruppe mit ihrem Betreuer Herrn Schlier. Dieser ist mit seinem jungen Praktikanten mehr als zufrieden: „Samuel war von Anfang an offen für den Umgang mit Menschen unterschiedlichster Art. Nicht jeder kann das.“

Einmal in der Woche erlebt Samuel nun, wie es ist, sich nicht nur mit theoretischen Inhalten zu beschäftigen, sondern unseren gesellschaftlichen Alltag so kennenzulernen, wie er ihn in wenigen Jahren erwarten wird. Diese Erfahrungen früh zu machen, hält die betreuende Lehrerin Stefanie Griessl für zentral: „Unsere Jugendlichen lernen, soziale Verantwortung zu übernehmen. Sie fühlen sich so als Teil der Gesellschaft und gewinnen Anerkennung. Das sind Erfahrungen, die der Schulalltag nicht bieten kann.“

“Kinder sind genau die Richtigen, um unseren Bewohnern Freude und Abwechslung zu bereiten”

Kinder am Schreibtisch

Die Mitarbeit in sozialen Projekten ist die Alternative der Augsburger Montessori Schule zum klassischen Erdkinderplan nach Maria Montessori. Dieser sieht für Schüler im Jugendalter neben dem formalen Lernen ein Hinausgehen und Arbeiten auf dem Land vor. Da dies für eine Innenstadt-Schule nicht einfach umzusetzen ist, suchte die Schulleitung verschiedene Einsatzorte im sozialen Bereich. Diese zu finden ist nicht leicht, sind doch manche der SchülerInnen erst 13 Jahre alt und somit nur für unterstützende Tätigkeiten geeignet.

Doch darum geht es gar nicht, wie Herr Müller, Heimleiter des AWO-Seniorenheims in Haunstetten, ausdrückt: „Immer heißt es, Tiere müssen in die Betreuungsarbeit integriert werden. Ich finde, Kinder sind genau die Richtigen, um unseren Bewohnern Freude und Abwechslung zu bereiten.“ Hier unterstützen Montessori-Schüler die Beschäftigungstherapie des Heimes. Es sei immer so nett mit den Jungs, berichtet eine Bewohnerin gerührt. Sie kümmern sich, erzählen von ihrem Alltag und sind so eine willkommene Abwechslung. Aber auch für Philipp und Niklas ist es mehr als nur ein Tag, den man nicht in der Schule verbringen muss.

„Wir sind hier echt gern. Mit den Senioren zu spielen und zu reden macht uns viel Freude. Meine Oma ist auch sehr alt geworden und war schwer krank. Daher weiß ich schon ein bisschen, wie ich mit älteren Menschen umgehen muss.“

Die Beschäftigungstherapeutin versichert, welch große Erleichterung es ist, die jungen Praktikanten im Haus zu haben: „Sie unterstützen uns und können dort einspringen, wo ich allein nicht hinterherkomme.“ So gelingt es jeder der Teilnehmenden, ein Bäumchen zu basteln.
Philipp bringt es auf den Punkt:

„Ich bin echt gern im Praktikum. Eigentlich lieber als in der Schule. Hier sehe ich, was ich getan habe, weil sich die Bewohner freuen.“

Weitere Schülerinnen engagieren sich bei der Hausaufgabenhilfe in einem Flüchtlingsheim.

Sinnvolle Beschäftigung ist hilfreich für schulische Leistungen

Bleibt bei so viel Praxis überhaupt noch genug Zeit, um zu lernen? Schließlich möchten auch die Montessori-Schüler einen guten Abschluss schaffen. „Kindern in der Zeit der Pubertät eine sinnvolle Beschäftigung zu bieten, kann auch für die schulischen Leistungen durchaus hilfreicher sein, als sie zu sinnlos empfundenem Lernen zu zwingen“, so Stefanie Griessl. Aus ihrer Erfahrung kann die praktische Bewährung im Alltag und das aktive Zugehen auf Menschen, mit denen die Schüler sonst wenig Begegnung haben, nicht nur die soziale Kompetenz stärken sondern auch das Wissen um die eigene Persönlichkeit fördern. Und damit ist genau das erreicht, was in der Pubertät passieren soll: Das Reifen eines verantwortungsbewussten, selbständigen jungen Menschen.